Die Kraft der Pyramiden

Das Gebet ist eine Liebesgeschichte, die nur die Bescheidenen verstehen.

Panorama Kairo

Ich beteiligte mich an der Expedition nach Ägypten. Ich war Offizier im Dienst des Genies Napoleon Bonapartes. Ich war Teil des Erfolges und des Untergangs seiner Armee, die antrat, siegreich oder verdammt, im Streben nach Ruhm den Unwägbarkeiten des Schicksals zu trotzen.
Es macht an dieser Stelle wenig Sinn mich in den Einzelheiten jenes legendären Unternehmens zu verlieren. Eine einzige Sache, an der ich Anteil nahm und die für Entwicklung des Folgenden von Bedeutung ist, möchte ich dennoch wiedergeben.

Mein General befahl mir einen Plan der Pyramiden zu entwerfen.
Er gab mir Geleitschutz aus einigen, berittenen, leichtbewaffneten Soldaten. Gemeinsam mit dieser Eskorte erreichten wir unseren geplanten Halt ohne Zwischenfälle und ebenso völlig verblendet, welches schreckliche Schicksals uns erwarten sollte.

Wir stiegen in der Nähe der Pyramiden von unseren Pferden und nachdem wir sie angebunden hatten, saßen wir, mit vor Hunger krampfenden Mägen im Sand. Mit französischer Gelassenheit würzten wir die kargen Speisen, die unser Mahl bildeten. Nachdem wir fertig waren und ich bereits in meiner Arbeit versunken war, erschien aus dem Nichts eine Horde Araber.

Uns fehlte die Zeit eine Verteidigungslinie zu bilden, dann fielen die Schwerte auf uns hernieder und die Kugeln pfiffen durch unsere Reihen. Während ich einige schwere Wunden erlitt, lagen meine unglücklichen Begleiter tot oder sterbend am Boden.

Die wundersame Rettung

Tal der Könige Ägypten

Unsere Feinde sammelten alle Waffen und Kleider und verschwanden mit unseren Pferden in der Wüste. Ich blieb für einige Zeit in einem Zustand der Erschöpfung und starrte in die Sonne.

Letztlich sammelte ich meine Kräfte und erhob mich voller Schmerzen. Zwei tiefe Schnitte hatte ich am Kopf und linken Arm erlitten.

Ich blickte mich um und sah nichts als tote Körper, einen glühenden Himmel und den trockenen Sand. Ich wurde zurückgelassen mit schier unendlicher Wüste und schreckenerregender Einsamkeit.

Als einzigen Aussicht blieb mir die Gewissheit, auf einen sicheren und grausamen Tod, ich weigerte mich dennoch, innerlich von Land, Eltern und Freunden Abschied zu nehmen. Ich bat Vielmehr um den Beistand des Himmels und schleppte mich in Richtung der Pyramiden.

Das Blut, das aus meinen Wunden strömte färbte den Sand rot, der bald zu meinem Grab zu werden schien. Ich erreichte den Fuß der Großen Pyramide und stützte mich gegen das enorme Gewicht der Steine, die wohl schon Jahrhunderte erblickten und noch viele weitere sehen mögen.

Als ich bemerkte, wie sich die Sonne senkte, dachte ich, dass meine Existenz wohl gemeinsam mit diesem Tag zu Ende gehen würde. „Funkelnde Sterne, hört mein Lebewohl“ sprach ich mit dem Gefühl des Abschieds in meiner Stimme „Meine Augen werden euch nie wieder erblicken, euer schimmerndes Licht nie wieder auf mein Haupt fallen. Lebt wohl.“

Als ich diesen Abschiedsgruß sprach, verschwand die Sonne am Horizont und der dunkle Vorhang der Nacht breitete sich über mir aus.
Ich war erfüllt von den bittersten Gefühlen meines Lebens, als ich einen nahen hellen Knall vernahm.

Ein Stein der Großen Pyramide hatte sich gelöst und fiel herab in den Sand. Ich wendete meine Blick und erblickte das Licht einer kleinen Lampe. Ein kleiner alter Mann trat aus der Großen Pyramide hervor.

Der türkische Lehrmeister

Pyramide

Ein langer weißer Bart bedeckte seine Brust und ein großer Turban verhüllte seinen Kopf. Auch der Rest seiner Kleidung verriet, dass es sich wohl um einen Mohammedaner handeln musste.

Er musterte die Umgebung, trat ein paar Schritte hervor und hielt gegenüber der leblosen Körper meiner unglücklichen Begleiter.

„Oh, ihr Sieben Himmel“ rief er auf Türkisch „Ein verwundeter Mann ? Nein, ein toter Franzose !“

Er hob sein Angesicht gen Himmel und rief „Oh, Allah“. Dann entdeckte er die anderen, er untersuchte sie sorgsam, ob noch einer von ihnen am Leben war. Ich sah, wie er die toten Körper betastete, um einen letzten Schlag ihrer Herzen zu vernehmen.

Der alte Mann erkannte, dass das Leben aus allen meinen Gefährten gewichen war. Nach Ausstoß eines ächzenden Stöhnens und mit Tränen in seinen Augen, folgte er seinen eigenen Spuren zurück in die Pyramide. Ich begann meinen Lebenswillen zu spüren.

Gerade hatte ich mein Leben noch aufgegeben, nun flutete neue Hoffnung mein Herz. Ich sammelte meine ganze Kraft und rief so laut ich konnte. Er hörte mich. Die kleine Laterne in seiner Hand änderte ihre Richtung und er sah mich. Er kam näher und reichte mir die Hand.

Ich zog sie, so fest ich konnte an meine Brust. Da erkannte er, dass ich verwundet war und Blut aus meinem Körper in den Sand floss. Nachdem er seine Lampe am Boden abstellte, nahm er seinen Gürtel und bedeckte meine Wunde auf der Stirn.

Dann half er mir auf. Ich hatte eine große Menge Blut verloren und merkte, wie sich die Schwäche im ganzen Leib ausbreitete – kaum fand ich die Kraft mich selbst zu stützen. Zuerst reichte er mir die Laterne, dann umfasste er meinen Körper und schleppte mich in die Nähe der Öffnung der Pyramide.

In der Großen Pyramide

Dort angekommen legte er mich sanft zu Boden und stützte meinen Rücken gegen den Stein. Aus dem liebevollen Händedruck, den er mir zum Abschied reichte, erkannte ich, dass er, in die Pyramide zurückkehren und kurz darauf wieder erscheinen würde, ich dankte sogleich dem Himmel für diese unerwartete Hilfe, die er mir gesandt hatte.

Als der alte Mann wieder erschien, trug er eine Flasche bei sich. Er entfernte den Korken und füllte einige Tropfen der Flüssigkeit in einem Becher, den er mir sogleich reichte. Mich erfasste ein wundervoller Duft.

Kaum hatte ich den ersten Schluck getan, begannen meine Kräfte zurückzukehren und ich fand die Kraft gemeinsam mit meinem gütigen Samariter die Pyramide zu betreten. Wir hielten einen Moment lang an.

Er füllte das Loch, dass er mit einer Eisenstange geschlagen hatte als ein Stein aus der Pyramide brach und wird folgten einem langen Gang in das Innere der Pyramide. Nachdem wir den sich windenden Pfad für eine Weile gefolgt waren, gelangten wir an eine Türe, die er vorsichtig öffnete und genau so sorgfältig wieder verschloss.

Wir durchquerten eine riesige Halle und erreichten schließlich einen verborgenen Raum. Die Lampe an der Decke, hüllte die gesamte Kammer in ein gelbliches Licht. In der Mitte des Raumes befand sich ein Tisch vollständig bedeckt mit verschiedenen Büchern.

Zur Rechten und Linken des Tischs befand sich jeweils ein orientalische Diwans, davor stand das Bett auf dem er schlief. Der gutherzige Alte platzierte mich auf einem der Diwane und stellte seine Lampe auf den Tisch.

Anschließend öffnete er eines der Fächer unterhalb des Tisches und entnahm verschiedene Gefäße. Er deutete mir, meine Kleidung abzulegen und begann meine Wunden sorgsam zu untersuchen.

Von Gott und Magie

Anschließend begann er, eine Reihe von Salben aufzutragen, die er aus den Gefäßen entnahm. Kaum war er damit fertig, begann der Schmerz aus meinen Wund am Kopf und dem linken Arm zu entweichen.

Er lud mich ein, auf seinem Bett zu rasten und schon bald schloss ein tiefer und fester Schlaf meine Augen. Als ich erwachte, sah ich mich um und zu meiner Rechten saß der gute alte Mann. Aus Angst ich könnte weitere Hilfe benötigen, wich er nicht von meiner Seite.

Ich bemühte mich meinen Dank in den höchsten Formen Ausdruck zu verleihen, zu denen ich im Stande war. Sichtlich gerührt signalisierte er mir recht deutlich, ich müsse mich ruhig verhalten.

Er reichte mir wieder von jenem wunderbaren Getränk, dessen hervorragender Wirkung ich mich bereits versichern konnte. Danach mustert er mich mit größter Sorgfalt und war sich nun sicher, dass er um mein Leben nicht weiter zu fürchten hatte.

Anschließend ging er zu dem Diwan am Ende der Kammer und er legte sich nun zur Ruhe. Bald hörte ich ihn tief und fest schlafen.
„Du unverschämter Glückspilz“ sagte ich zu mir selbst.
„Mein Herr, du bist die Tugend und reine Göttlichkeit, du vereinst Menschen und erbarmst dich der Männer, die höchster Not zum Opfer fielen. Durch dich sind sie zum Glück zurückgekehrt und du bist die Glückseligkeit. Du bist Erfüller all unserer Wünsche und Begierden.“

Beginn der Ausbildung

Als ich mein stilles Gebet beendet hatte, hörte ich, wie mein Gastgeber sich rührte. Er stand auf, kam zu mir, lächelte und gab mir zu verstehen, dass er wohl zu seiner Arbeit zurückkehren müsse und ich mich in der Zwischenzeit umsehen könne.

Bis zu diesem Zeitpunkt, hatte ich die Geschehnisse noch nicht überblickt. Ich dachte mich selbst vollkommen sicher, mitten in der Pyramide und fühlte keinerlei Unbehagen gegenüber meines Gastgebers. Ich war in die Vorstellung der Rückkehr zu meiner Einheit versunken, als der alte Mann plötzlich wieder erschien.

Er gab mir zu verstehen, dass einige arabische Einheiten und Mameluken in der Ebene patrouillierten und er sie ohne ihr Wissen beobachtet hätte. Da dieser Unterschlupf, vor aller Leute Augen verborgen sei, wäre ich soweit sicher.

Er gab mir deutlich zu verstehen, dass er darauf achten würde, dass mir weiter nichts geschehe. Ich versicherte ihn meiner größten Dankbarkeit und er schien soweit zufrieden. Wohl bemerkte er, dass ich unzufrieden war, mich nur mittels Zeichen verständigen zu können und so brachte er mir ein Buch und signalisierte, es könne mir bei meinen Bemühungen helfen.

Von Fähigkeiten und Berufung

louvre

In meiner Kindheit und durch meine Erziehung, war ich bereits mit Meditation in Kontakt gekommen. Generell liebte ich das Studium der Schriften und die Fähigkeiten meinen Verstand zu gebrauchen.

Ich war bald schon in der Lage, den Erzählungen des wohltätigen alten Mannes zu lauschen. Er zeigte solche Begabung zum Lehren, dass selbst ein wenig begabter Schüler, wohl zu schnellen Fortschritten in der Lage gewesen wäre.

Die Heilung meiner Wunden und Rückerlangung voller Kräfte nahm mehr Zeit in Anspruch als ursprünglich gedacht. Mein Gastgeber ging ab und an nach draußen, um zu erkunden, was sich in der äußeren Welt wohl tue. Ansonsten waren wir völlig abgeschnitten von dem Lauf der Ereignisse.

Eines Tages blieb er länger aus als gewöhnlich und bei seiner Rückkehr informierte er mich, dass die französische Armee Ägypten verließe und meine Hoffnungen auf Rückkehr wohl schwänden, vielmehr sollte ich bei ihm verbleiben und er würde mich in den magischen Künsten unterrichten, um mein Schicksal weniger schrecklich erscheinen zu lassen. Ich hatte wie gesagt, begonnen die türkische Sprachen zu verstehen.

Er gebot mir aufzustehen und ich folgte ihm. Er nahm meine Hand und führte mich an das Ende der Kammer. Anschließend öffnete er eine weitere Tür an dieser Seite des Raums.

Er nahm seine Lampe und wir betraten einen Lagerraum mit mehreren Truhen. Als er sie öffnete, waren sie vollständig gefüllt mit Gold und den herrlichsten Edelsteinen jedweder Art.

Dann begann er seine Erzählung

„Du siehst mein Sohn, mit diesen Schätzen hast du nie Armut zu fürchten. Das sei alles dein. Ich erreiche das Ende meines Weges und werde glücklich sein, sie in deinem Besitz zu wissen. Diese Schätze sind nicht Ergebnis von egoistischen Streben und Gier, sondern vielmehr verdanke ich sie meinem Wissen, um die okkulten Künste und der damit einhergehenden Gabe, des höchsten Wesens, welches mir die Wunder der Welt offenbarte.

Noch immer befehle ich jenen Kräften, die Welt und Kosmos bevölkern aber vor den Augen der gewöhnlichen Menschen verborgen bleiben. Ich mag dich, mein Sohn. Ich erkenne in dir Offenheit und Aufrichtigkeit, die Liebe zur Wahrheit und die Eignung für jene Wissenschaften.

Am Dringendsten möchte ich dir aber mitteilen, dass es mich beinahe 80 Jahre der Forschung, Meditation und Erfahrung gekostet hat, dies zu erreichen. Die Kunst der Magie, die Sprache der Hieroglyphen, all das ging verloren mit dem großen Abstieg der Menschheit. Ich bin ihr Hüter. Ich werde dich in jene kostbare Kunst einweihen. Wir werden gemeinsam die Zeichen lesen, die in diesen Stein gehauen wurden und Geißel der Forscher waren, bis sie sie für Jahrhunderte vergaßen.“
Sein prophetischer Ton fesselte mich und entzündete mein Interesse, für jene Kunst, die er mich lehren wollte. Dies versuchte ich ihm mit den wenigen Türkisch mitzuteilen, das ich zu sprechen vermochte.

„So soll es sein“ antwortete mein neu gewonnener Lehrmeister. Er hob seinen Arm gen Himmel und sprach im ehrerbietigen Ton:

Die Macht des Gebets

Liebespaar auf Felsen

„Liebe, mein Sohn, Liebe ist das vornehmste Geschenk Gottes und der Philosophen. Werde nie überheblich, wenn er dich mit den Früchten der Weisheit belohnt und du Teil hast, an den Wundern seiner Macht.“

Nachdem er diese Ansprache beendet hatte, blickte er mir tief in die Augen „Das sind die Gesetze die du ergründen musst. Zeige dich selbst würdig, seine Gaben zu empfangen. Die Zeit zu ruhen, scheint nun gekommen.

Du wirst ein neuer Mensch werden. Bete inbrünstig zu dem Einen, der alleine die Macht besitzt, dir ein neues Herz zu schenken, dass dich öffnet für jene magischen Dinge, die ich dir zeigen werde und darum, dass ich dir keines der Wunder der Natur verschweigen möge. Bete und hoffe.

Ich preise die ewigen Wahrheiten, die Teil meiner selbst wurden und wünsche sie dir zu offenbaren. Hat die Natur in dir jene Fähigkeiten angelegt, sie auch empfangen zu können, kannst du dich wahrhaft glücklich schätzen.

Du wirst die Natur beherrschen, wirst alleine Gott Untertan sein und auf einer Stufe mit seinem erleuchteten Willen stehen, der alleine gleiches vermag. Höchstes Wissen wird deine Wünsche erfüllen, die Dämonen werden es nicht wagen, an einer Stelle mit dir zu stehen.

Unter deiner Stimme werden sie beben und vor deinem Wort in die Abgründe der Hölle stürzen. Jene verborgenen Wesen hingegen, die die vier Elemente bevölkern werden dir mir Freude zu Diensten sein. Ich danke dir, oh großer Gott, einen Sterblichen mit soviel Ehre gesegnet und zum Herrscher über jenes berufen zu haben, dass du mit deinen Händen erschaffen hast.“

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