Über Dhikr Ritual und Gebet

Gott beantwortet nicht die Gebete, die du willst, sondern die, die du brauchst.

Unter einem Ritual verstehe ich eine Handlung, die da darauf abzielt Wesenheit einer höheren Welt in unserer Realität zu holen, um Wissen und Einsicht zu gewinnen oder die Realität zu verändern.

Mann alleine in Kirche

Das extreme Gegenteil des Rituals ist für das Gebet. Ich halte es entsprechend für eine zur Bedeutungslosigkeit verdünnte Form des Rituals. Im wesentlichen halte ich es für ein Pseudo-Ritual. Für mich bedeutet es schlicht, das Medikament durch das Lutschbonbon zu ersetzen.

Ein Lutschbonbon ist sicher.

Ebenso wie ich den Priester oder Imam für die verwässerte, die ungefährliche und die Kette gelegte  Form des Schamanen halte. Eine kurze Tabelle soll das verdeutlichen.

Priester/ImamSchamane
AusbildungSchule/Seminar/UniversitätSchüler-Meister-Verhältnis
BerufungKirche/Behördeübersinnliches Erlebnis
BedeutungStellung innerhalb der Organisationpersönliches Charisma/Ausstrahlung
Einkommenfestes Gehaltfreiwillige Spenden

Ein guter Schamane ist wesentlich mächtiger als ein Priester, da er nicht an einer institutionellen Fußkette hängt. Gleichzeitig ist ein schlechter Schamane wesentlich gefährlich, als ein Priester das sein könnte, weil ihn die jeweilige Institution kontrolliert.

Die Evokation

wolkenteppich berge

Für jeden der nicht in einer anerkannten Religionsgemeinschaft geboren wurde, wirken ihre Rituale paradox.
Dazu möchte ich mit den christlichen Kirchen beginnen. In der Messe verwandelt der Priester Wein in das Blut Christi
und die Oblaten in sein Fleisch, die anschließend von den Gläubigen verspeist werden.

Wenn du nicht in diese Glaubensgemeinschaft geboren wurdest, wirkt das seltsam. Und gleichzeitig ist das eine
Form der Evokation. Etwas von einer höheren geistigen Ebene, soll in der physischen Welt materialisiert werden.

Tatsache ist, dass es nicht funktionieren wird. Jede Art dieser Betätigung benötigt Vorbereitung und Einsatz.
Eine der am häufigsten angewandten Methoden ist das intellektuelle Studium. Das kann den Gläubigen zwar
zum Priester machen, führt in aber kein Stück näher an Gott heran.

Im Bereich der Spiritualität geht es nicht um Wissen und es geht nicht um Wollen. Das ist das Problem, dass ich
mit Priestern und dem Gebet habe. Es geht um Machen und um Erfahren. Ziel ist eine Verschmelzung des Bewussten mit dem
Unterbewussten. Es geht um unterbewusste Kompetenz.

Bewusste und unbewusste Kompetenz

Immer wenn wir in etwas bewusst kompetent sind, sind wir schrecklich darin. Das ist ungefähr so, wie das erste
mal Schuhe binden, Fahrrad fahren oder Auto anstarten. Das sind alles Dinge, die wir irgendwie hinbekommen aber nicht wirklich
gut darin sind. Wieso nicht ? Weil wir daneben nichts anderes tun können. Wir können die Aufgabe irgendwie lösen, wenn wir all
unsere Kräfte, auf diesen einen Punkt konzentrieren. Das funktioniert. Nur eben nicht besonders gut und nicht besonders lange.

Es ermüdet und zwar ziemlich schnell. Der Übergang zur unbewussten Kompetenz, ist dann die Übungsphase. Nach ungefähr einem Monat
geht uns dann in Fleisch und Blut über und wir können uns auf die Details konzentrieren. Und das ist genau, wo alle Magie
passiert, wenn wir entspannt sind und uns sicher indem fühlen, das wir tun.

Ich kenne niemanden der sich in Kirchen wohlfühlt. Die Gebäude sind von Außen oft abschreckend und im Inneren, oft 5°C unter Raumtemperatur.
Der Priester hat sein Wissen aus Büchern und seine Berufung von Bürokraten, viele der Gläubigen dort, haben ihren Termin beim Sensenmann schon
gebucht und werden demnächst vermutlich in die Kiste springen.

Kurz, dort möchten wenige freiwillig sein und deshalb wird sich dort vermutlich auch nichts manifestieren. Und die Tatsache, dass dort nichts
passieren wird, macht es ja gerade so sicher.
Ein Ritual ist wie ein Theaterstück

Bei Ritualen ist das anders. Ein Ritual ist ein sorgsam vorbereitetes und inszeniertes Theaterstück, das mit einem gewissen Enthusiasmus
ausgeführt wird. Es ist keine lästige Pflichtübung die jeden nur nervt. Und wenn alle die richtige Schwingung mitbringen, wird es auch funktionieren.

In der Regel ist es mit viel Aufwand und Spaß an der Sache verbunden. Ich neige dazu meine Kerzen selber herzustellen. Ich ziehe sie aus Wachs und
füge nach Bedarf Geruch oder Farbe hinzu. Wenn sie dann ausgehärtet sind, beginne ich sie zu beschriften. Die stelle für gewöhnlich 3 identische Kerzen
her, die ich in 3 aufeinander folgenden Nächten vor dem Ritual verbrenne. Das dient der Einstimmung und meiner Konzentration.

Während das Wachs langsam in die Schale tropft, fokussiere ich mich auf die Inschrift und meditiere darüber, was ich erreichen möchte. Ich muss mich
auf das Ritual nicht konzentrieren, ich habe es oft genug gemacht. Mir geht es nur noch um seinen Zweck. Es geht niemals darum, sein Wissen zu nutzen,
um Glauben zu finden, sondern seinen Glauben zu nutzen, um Wissen, Einsicht und Erfolg zu erlangen.

Und ich hasse Gongs, es gibt wenig das mich mehr nervt, als Esoterik-Praktiker mit Gong, Klangschalen und billigen, chinesischen Räucherstäbchen.
Ich kaufe mein Parfum ja auch nicht in der 1-Liter Vorratsflasche.

Das Tier im Menschen

Wir mögen nicht vom Affen abstammen aber wir teilen viele seiner Schwächen. Dem höchsten Tier Mensch binden dieselben physischen Gesetze. Wir können
nicht die mächtigsten der antiken Geister oder dunkelsten der Dämonen, in ihre physische Gestalt zwingen. Das vermag nur Gott. Was wir teilen
ist der göttliche Funke und sein unsterblicher Geist, der in uns wirkt.

Der angestrebte Zustand ist dabei immer die “göttliche Liebe”, dass ist der Zustand, indem du alles kannst. Das Gehirn kann das nicht verarbeiten, der Verstand kann es nicht begreifen
und die Sinne es nicht erfassen. Gleichzeitig ist es der Zustand, den der Sufi anstrebt und das Gebet ausschließt. Ein Sufi wird selbst Teil der Unsterblichkeit. Sie fürchten den Tod nicht länger und das unterscheidet sie von den Kirchengängern.

Das Ritual in der Praxis

Die Umsetzung des Rituals beginnt nachdem die Kerzen erloschen sind. Ich beginne einen Kreis zu ziehen
und reinige die Fläche. Der Kreismittelpunkt bildet das Zentrum des Rituals. Am Rand Stelle ich einige Schalen
mit Gewürzen und Kräutern. Ich mag den Geruch und das Rot der glühenden Kohlen hilft mich zu konzentrieren.

Alle Schamanen lieben das Feuer, das ist ihr Element. Der Koran berichtet, dass die Dschinn auch rauchloser
Flamme geschmiedet wurden. Das trifft den Punkt. Danach beginne ich den Kreis abzuschreiten. Er bildet die
Grenze zwischen dieser Welt und der nächsten. Was auch immer im Anschluss passiert, weiter als hier soll es nicht kommen.

Entlang der vier Himmelrichtungen beziehen die Erzengel ihre Positionen. Raphael im Osten, Michael im Süden,
Gabriel im Westen und Azrael im Norden. Keiner dieser Engel wird beschworen, sie werden um ihren Beistand gebeten.

Das nennt man das kleine Schutzritual. Es ist der erste Akt und bereitet die Bühne. Der zweite Akt soll das wahrhaft göttliche
in uns hervorholen. Es ist ein Akt der Meditation und Visualisierung. Verschiedene Sufis nutzen unterschiedliche Mantras,
die einen Summen ein anschwellendes “Allah” andere nutzen das Wort “Huwa“, das arabisch schlicht “Er” bedeutet.

Der Körper soll mit Licht gefüllt werden und du beginnst zu fühlen, wie es langsam vom unteren Ansatz deiner Wirbelsäule
den Körper empor steigt, bis es am Scheitel ankommt. Wer sich mit der Allmacht Gottes rüstet und seine Liebe im Herzen
trägt, hat wenig zu fürchten und ist zu Großem fähig.

Alle Vorarbeit zielt genau auf diesen, einen Punkt. Im Verlauf des Rituals fühlt sich der Ausführende nicht länger im
Zustand des Glaubens, er fühlt sich im Zustand des Wissens. Wenn deine Augen mit Dunkelheit gefüllt sind, kann es
allerdings sehr schmerzhaft werden ins Licht zu sehen.

Mit wachsenden Wissen wird der Adept zunehmend mehr und mehr der alten Schriften durchwühlen, nach dem einen, mächtigen
Ritual, dass alle seine Wünsche für immer befriedigt und damit bewegen wir uns in Richtung des dritten Akts.
Es gibt einen Unterschied zwischen oberflächlichen Kontakt und tiefer Verbindung. Das ist was das Gebet zu vermitteln
vermag. Einen oberflächlichen Eindruck der göttlichen Größe und zwar für jene mit Augen um zu sehen und den Ohren
um zu sehen.

ständer mit kerzen

Das ist nicht das Ende der Reise und nicht weniger der Anfang vom Ende. Es ist nur das Ende vom Anfang. Und jeder der
den einen Schritt weiter, den einen Schritt tiefer in diese unbekannte Welt setzen möchte, wird an dem Ritual nicht vorbeikommen.

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