Die Lage in Kasachstan und die Hintergründe

Die Ereignisse in Mittelasien werfen ein neues Schlaglicht auf die Region. Im Windschatten des Afghanistan-Einsatzes konnten die Vereinigten Staaten in den Ländern Zentralasiens zahlreiche Stützpunkt errichten, um die Versorgung der Verbände in Afghanistan zu sichern.
Infographik Zentralasien
Die betreffenden Länder wurden in der Vergangenheit auffallend oft Ort interner Konflikte, die mit einer scharfen Kurskorrektur der Außenpolitik der Regierungen und Schließung der US-Basen im Land endeten. Der Terroranschlag Kasachstan ist das jüngste Resultat dieser Entwicklungen.

Die Kette der Ereignisse begann mit den Unruhen in Usbekistan 2005 und setzte sich in Kirgistan 2010 fort. Bald darauf kam es zur Schließung der US-Basen in Karschi-Chanabad (Usbekistan) und Manas (Kirgistan) verbunden mit dem vollständigen Abzug jeglicher amerikanischer Präsenz aus den entsprechenden Staaten. Die einen sehen darin eine Auswirkungen einer wachsende Rolle islamistischer Kräfte in der Region und die anderen vermuten das Einwirken russischer Dienste. Aktuelle Berichte aus Syrien deuten auf eine Unterwanderung islamistischer Kräfte durch russische Dienste und den Einsatz für eigene geostrategische Ziele. Der russische Militäreinsatz in Syrien scheint vorläufig abgeschlossen und die frei werdenden Ressourcen könnten sich wieder auf Zentralasien richten.

Die Reise beginnt in Duschanbe

Akademie der Wissenschaften Duschanbe

Akademie der Wissenschaften Duschanbe, Zentralasien

„Es geht ein Riss durch das Land.“ erzählt mir Irada, eine Usbekin die ich am Flughafen in Duschanbe kennengelernt habe und die für Hochzeit einer Verwandten aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent angereist ist. „Die Jungen möchten nach Amerika und die Alten zurück in die Sowjetunion.“ „Zwei Autos hatte ich damals, schlechte Autos, aber zwei und heute nur noch eines.“, erzählt mir ein älterer Herr auf der Straße. Ich bin auf dem Weg in die Innenstadt Duschanbes, um Dokumente in der Nationalbibliothek einzusehen. Ich interessiere mich für Personallisten, Ausrüstung und Taktiken sowjetischer Spezialeinheiten die aufgrund der Einsatzszenarien vorwiegend aus Tadschiken, Usbeken und Turkmenen rekrutiert wurden. Dabei passiere ich den „American Corner“ im Hauptgebäude der Bibliothek. Die amerikanische Regierungen bemüht sich sichtlich um die Sympathien der Bevölkerung. Englischsprachige Bücher wurden angeschafft, ein entsprechender Raum eingerichtet, Internet und Computer sind vorhanden und ein Sprachwettbewerb wird abgehalten. Zur Preisverleihung erscheint die US-Botschafterin in Tadschikistan.

Ich arbeite hingegen vorwiegend mit russischen Quellen. „Wir haben das alles hier aufgebaut.“ erzählt mir Olessia, eine Russisch-Lehrerin und eine der wenigen ethnischen Russen die hier zurückgeblieben ist. Die anderen wurden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vertrieben oder sind geflohen. Genau genommen ist Olessia Ukrainerin. Ihre Großeltern waren wohlhabende ukrainische Bauern, Kulaken. Alle, die den Holodomor, den großen Hunger überlebten wurden nach Zentralasien verschleppt. Stalinabad hieß die Stadt damals – ein Arbeitslager. Heute unterstützt sie die Politik Wladimir Putins „Die Krim ist Teil Russlands.“ sagt sie, ich muss weiter.

Ich treffe noch den Imam der Moschee und plane anschließend Reise und Aufenthalt im Ferghana-Tal, indem ich einen guten Teil meines Aufenthalts verbringen werde. Aber zunächst ist wichtig zu verstehen, wie russische Sondereinsatzkräfte operieren. Das aktuellste Beispiel bietet Syrien.

Lehren aus Syrien

Imojak TPU Tomsk

Institut für internationale Beziehung und ausländische Sprachen in Tomsk, Russland

Russische Sondereinsatzkräfte des militärischen Nachrichtendienstes GRU, Speznas, operieren seit Oktober 2015 offiziell in Syrien und befinden sich seit mindestens 2014 im Land. Als Quelle dient die Internetplattform LiveLeak die sich auf die Veröffentlichung von GoPro-Helmkameraaufnahmen aus Konfliktgebieten spezialisiert hat. Zu Aufgabengebiet und Zielsetzung lehnt die russische Regierung jede Stellungnahme ab. Allerdings haben sich seitdem signifikante Veränderung in Ausrüstung, Personalzusammensetzung und Vorgehen des IS ergeben, wie aus den gezeigten Video-Aufnahmen deutlich wird.

Einerseits erscheinen vermehrt tschetschenische Kämpfer innerhalb wichtiger Führungspostion des IS und andererseits beginnen die Ausrüstungsgegenstände mehr und mehr der neueren Ausstattung der russischen zu ähneln, die taktischen Einsatzmuster haben sich ebenfalls verändert. Spezna Einheiten rekrutieren sich traditionell aus der muslimischen Minderheiten und sind auf Aufklärung, Ausbildung und den Aufbau von Widerstandszellen spezialisiert. Die aus älteren Flecktarnmuster verschiedener Armeen bunt zusammengewürfelten Uniformen des IS wurden durch einheitliche Uniformen und moderne Pixeltarnmuster ersetzt. Gleichzeitig hat sich der Einsatz von Splitterschutzwesten weiträumig durchgesetzt. Während früher ausgemusterte Ausrüstungsgegenstände weltweit aufgekauft und von islamistischen Netzwerken nach Syrien verschoben wurden, scheint sich der IS zwischenzeitlich neue Versorgungsrouten erschlossen zu haben.

Ins Bild passt eine russische Medienmeldungen, über den Spezna-Offizier Alexander Prokhorenko der angesichts einer ausweglosen Situation sowie einer Umstellung durch den IS einen Luftschlag auf die eigene Position angefordert haben soll. Ein Heldenbegräbnis wurde angeordnet.

„Besteht die Gefahr, verdeckt operierende Einheiten könnten gefangen genommen und verhört werden, wird ein Flächenbombardement auf die letzte bekannte Position angeordnet, laufende Operationen sind zu schützen.“ lese ich.

Der Abzug der russischen Luftwaffe aus Syrien deutet an, dass der Einsatz nun abgeschlossen ist. Das neue Verhalten des IS scheint auf andere Regionen der Welt überzugreifen. „Verdächtig auffällige Kämpfer“ titelt die FAZ. Der IS ist in Afghanistan erschienen und sein Vorgehen scheint so gar nicht zu dem einer Rebellen-Armee zu passen. Gleichzeitig hat eine massive Offensive des IS in Afghanistan gegen die Taliban begonnen. Große Teile von Einheiten scheinen von den Taliban zum IS in Afghanistan über zu laufen. Eine Entwicklung ganz im Sinne Moskaus und damit sind wir zurück in Zentralasien.

Die Rolle des Islam

Moschee in Chudschand

Vorplatz der Moschee

„Nur keine Radikalen, wir wollen hier keine Radikalen.“, der Imam ist ein gebranntes Kind. Der tadschikische Bürgerkrieg, 1992-1997, hat das Land tief gezeichnet. Die Auseinandersetzungen in Afghanistan griffen auf Tadschikistan über. Die afghanischen Taliban förderten den radikalen Islam im Land. Es dauerte fünf lange Jahre die Aufständischen niederzuringen. Das Ergebnis war ein Verhandlungsfrieden. Seitdem wird daran gearbeitet die Islamisten aus allen bedeutenden Position zu entfernen. Dabei kommt es immer wieder zu bewaffneten Aufständen, das letzte mal 2012.

Das russische Interesse dürfte darauf abzielen, im ersten Schritt die Taliban zu beseitigen. Der IS in Afghanistan ist 2015 entstanden und geht seitdem erfolgreich gegen die Taliban vor. Sobald die Südgrenze gesichert ist, hat die Regierung in Duschanbe im Norden genug Luft um einen Grenzstreit in der Region zu beginnen.

Die Strategie Russlands

Im Austausch für den usbekischen Teil des Ferghana-Tals könnten die USA ihre Nutzungsrechte in Duschanbe verlieren. Ein gutes Geschäft für die Regierung Tadschikistans und ein gutes Geschäft für die Regierung in Moskau. Allein Usbekistan scheint von den neueren Entwicklungen wenig begeistert. 2012 hat das Land aus Protest gegen die Politik Russlands und Tadschikistan den Vertrag für kollektive Sicherheit (OVKS) verlassen. Ein verschmerzbarer Verlust für Moskau. Die Haltung Usbekistans scheint den USA unklar. Das Land neigt dazu zwischen dem russischen und amerikanischen Lager hin und her zu wechseln. Die Regierung in Russland schätzt keine unzuverlässigen Partner, über die Haltung Tadschikistan scheint man sich sicher. Die Aktivitäten des IS in Afghanistan bieten genug Grund das Land aufzurüsten. Ein Verlust des Standorts in Duschanbe wäre der Sargnagel für das Afghanistan Engagement der Amerikaner. Sind die Vereinigten Staaten dann abgezogen könnte man sich um den IS in Afghanistan kümmern. Bei Strukturen die man kennt ist das in Regel einfacher. Russland wäre die einzig verbleibende Einflussgröße in Zentralasien und Bezwinger des internationalen Terrorismus. Wladimir Putin, Bärentöter, Kampfjet Pilot und größter Feldherr aller Zeiten. Schließlich ist die Sowjetunion beim Versuch die Taliban zu bezwingen gescheitert. Der Nachklang in russischen Medien wäre frenetisch. Die russische Wirtschaft geht am Stock, der Rubel ist auf die Hälfte seines Werts gefallen, die Landwirtschaftssanktionen gegen die EU sind ein Desaster. Sondereinheiten des russischen Zolls befinden sich auf der Jagd nach eingeschmuggelten bayrischen Käse, den sie auf einen Haufen türmen und mit dem Bulldozer überfahren.

Aufbruch und Weiterreise

„Russische Touristen müssen nicht nach Ägypten und in die Türkei reisen, wir haben Zentralasien. Zentralasien ist unser Erholungsgebiet. Frische Luft, hohe Berge und alle exotische Früchte die Sie essen können.“, dröhnt der russische Politiker Wladimir Schirinowski aus den Fernsehern des Eingangsbereichs der Moschee. Die meisten Tadschiken halten ihn für das Unterhaltsamste, das das russische Fernsehen zu bieten hat, ihn und die Sendung mit den Verkehrsunfällen.

Meine Arbeit in Duschanbe ist beendet und ich reise weiter ins Ferghana-Tal. Das Ferghana-Tal bildet das Zentrum der Seidenstraße und Zentralasiens. Alle entscheidenden Konflikte haben dort ihren Ursprung.

Hintergrund des Konflikts in Zentralasien

Wasserkraft Duschanbe

Russische Wasserkraft-Anlage in Zentralasien

Im Zentrum der Streitigkeiten zwischen Usbekistan und Tadschikistan steht der Zugang zu den Wasserreserven des geteilten und gemischt besiedelten Ferghana-Tals. Die Wasserzufuhr in das Tal kontrollieren staatliche russische Energiefirmen durch Kraftwerksprojekte und Staumauern am Syrdarja Strom. Die Russische Regierung könnte durch Wasserverknappungen einen Konflikt mit Usbekistan provozieren und durch Unterstützungslieferungen, Ausbildung und Fernaufklärung der tadschikischen Seite zum Sieg verhelfen. Einen Erfolg den die Regierung in Duschanbe nötig hätte, das Land ist bitterarm. Gleichzeitig bilden die Taliban eine permanente Bedrohung im Süden des Landes. Als Bedingung für die Unterstützung, könnte die russische Regierung einem Abzug der Vereinigten Staaten aus dem Land nennen. Die Vorbereitung scheinen angelaufen.

Ankunft im Ferghana-Tal

Chudschand

Nach 8 Stunden Autofahrt bin ich müde, glücklich heil angekommen zu sein und froh die Handwerkskunst besichtigen zu können, solange es sie noch gibt. Die wenigen tausend Quadratkilometer zwischen Amudarja und Syrdarja bilden die Grenze zwischen Usbekistan und Tadschikistan. Die beiden Staaten sind verfeindet, die Wasserrechte im Tal umstritten und gleichzeitig die Bevölkerungen geteilt. Es leben Tadschiken auf der usbekischen Seite und Usbeken auf der tadschikischen Seite. Wie überall in Zentralasien ein ethnisches Pulverfass und durch die Grenzziehung der ehemaligen Sowjetrepubliken beabsichtigt. Moskau wünscht kein Groß-Turkestan. Ein Staat der sich von der russischen an die chinesische Grenze erstrecken und Teile Kasachstans, Kirgistans, Usbekistans, Tadschikistans und Afghanistans umfassen würde. Mit seinen 50-60 Millionen Einwohnern wäre es ein Machtfaktor in der Region und stünde vermutlich unter usbekischer Vorherrschaft. Usbekistan besitzt die größte Bevölkerung, ist wirtschaftlich am leistungsfähigsten und bildet die geschichtliche Führungsmacht der Region. Aufgrund der sprachlichen und kulturellen Nähe würde man vermutlich eine gemeinsame Außenpolitik mit der Türkei verfolgen und Druck auf Russlands Südgrenze ausüben. Feuchter Traum der Militärstrategen in Ankara und gleichzeitig der Alptraum russischer Planer, den es zu verhindern gilt.

Zukünftige Entwicklung

Markthalle-Chudschand

Markthalle im Ferghanatal

Die Planung geht wie erwähnt dahin die USA aus der Region zu verdrängen und Usbekistan zu schwächen. Einfluss auf die Regierung in Tadschikistan bedeutet schlicht die Möglichkeit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Die usbekische Landeswährung Sum wird von der Baumwollpflanze geschmückt. Die Baumwollpflanze ist der Sum. In der Region wurde früher die gesamte Baumwolle des Ostblocks angebaut und die Wasserzufuhr aus dem Ferghan-Tal ist der Schlüssel dazu. Ein Schlüssel den russische Energie-Riesen kontrollieren. Sie haben die Staumauern gebaut, sie betreiben die Staumauern und bei Bedarf schließen sie auch die Staumauern. Wenn das passiert wird sich Usbekistan die Wasserversorgung holen und die Grenze nach Tadschikistan überschreiten. Die usbekischen Streitkräfte sind den tadschikischen überlegen und die Bevölkerung mehrheitlich usbekisch. Ein Beispiel liefert der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien um Berg-Karabach, indem russische Unterstützung letztlich der armenischen Seite zum Sieg verhalf. Zwischen Usbekistan und Tadschikistan droht ähnliches.

Als nächstes werden die amerikanischen Truppen aufgefordert das Land zu verlassen. Der Afghanistan Einsatz gerät durch mangelnde Versorgung in Bedrängnis. Sind die USA abgezogen, wird sich Russland um den IS in Afghanistan kümmern. Die übliche Vorgehensweise hat etwas mit einem schwarzen Sack und den schalldichten und mit Beton verkleideten Innenwänden des Untergeschosses der FSB-Hauptverwaltung in Moskau zu tun.

„Wie nennt man einen russischen Agent der 50 Leute erschossen hat ?“, werde ich gefragt. Die Antwort lautet „Nummer 51.“, das ist der Tschekisten-Lohn.

Anmerkung: Die heutige FSB-Hauptverwaltung ist im Gebäude des früheren sowjetischen Geheimdienstes Tscheka untergebracht. Der mehrfach unbenannte Dienst war dafür bekannt, seinen jeweiligen Leiter, sobald das Ende seiner Dienstzeit gekommen war, ebenfalls im Keller des Gebäudes zu erschießen bspw. Genrikh Yagoda, Nikolai Jeschow und Lavrentiy Beria folglich Tschekisten-Lohn.

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